Die Geschichte des MZvD

Die Jahre 1912 – 1921

Erst Ende des vorletzten Jahrhunderts fand die unterhaltende Zauberkunst eine größere Verbreitung, und sie erlebte einen wirklich bemerkenswerten Aufschwung. Dazu trugen wohl nicht zuletzt einzelne magische Händler bei, die sich bemühten, ihre Kundschaft zu immer neuen Anschaffungen zu reizen. Um das Interesse an der Zauberkunst zu fördern, gaben einige von ihnen Zauberzeitschriften heraus, so Carl Willmann seine „Zauberwelt" und Conradi-Horster den „Zauberspiegel". Auf diese Weise merkte mancher Amateurzauberer, dass es noch andere Freunde der Magie in seiner Heimat, ja selbst an seinem Wohnort gab. Er versuchte mit diesen in Verbin­dung zu kommen. So entstanden - vor allem in den Großstädten - die ersten Magiergruppen. Bis zur Gründung des ersten Vereins war es da naturgemäß nicht mehr weit.

Erst 1912 gab es neue Ansätze. Da gastierte am 31. März im Großen Saal des Wulfschen Etablisse­ments in Hamburg-Altona der wohl produktivste Magier, den es in Deutschland je gegeben hat, F. W. Conradi-Horster. Diese Gelegenheit ließen sich die in Hamburg und Umgebung ansässigen Zauberer natürlich nicht entgehen. Eifrig debattierend standen einige von ihnen nach der Vorstellung am Büfett, um noch auf den Vorführenden zu warten, als der Hamburger Kaufmann Karl Schröder das Gespräch auf die Gründung eines Zaubervereins brachte.

Von den neun Gründungsmitgliedern wurde der damals 35jahrige Karl Schröder zum Vorsitzenden, der 40 Jahre alte J. C. Schultheiß zum Kassierer und Mitglied Nr. 3, Herr F. von Barm zum Schriftführer gewählt. Dr. Sinell und J. Bernitt bestimmte man zu Revisoren. Alle neun Mitglieder wohnten in Hamburg und waren Amateure, teilweise allerdings mit reichen magischen Erfahrungen. Sie bildeten die Keimzelle unseres Magischen Zirkels.

Das 8. Bestandsjahr des Magischen Zirkels brachte erfreuliche Fortschritte. Die MAGIE, bisher ein Provisorium, erschien erstmals gedruckt. Unter einer Kopfleiste, die auf einem teppichartigen, verschnörkelten Untergrund das Wort „MAGIE" und einen Drudenfuß mit den Initialen M. Z. H. und dem Gründungsjahr 1912 enthielt, stellte Karl Schröder als Schriftleiter monatlich einen promi­nenten Zauberer vor. Er begann mit Ernst Thorn, dem ersten Ehrenmitglied des MZ. Es folgten u. a. Willi Cellar, Oskar Altani, Alois Kassner, Ching-Li-Fu (Jakob Stein), Talerno und Alfred Uferini, alles seinerzeit bekannte Berufler.

Weitere Ereignisse im Jahre 1920 waren die Ernennung von Dr. Rohnstein zum zweiten Ehrenmitglied des MZ, die Aufnahme des ersten Mitgliedes aus den USA, die Herstellung einer engen Verbindung zum „Verein der Amateure für magische Kunst" in Wien, dem Ottokar Fischer, Hans Trunk, Franz Marschall, H. Herrmann, Franz Holl u. a. angehörten. Die MAGIE wurde in der Folge auch Publikations-Organ für diese Vereinigung.

Am 16. Januar 1920 fand die erste Sitzung der „Ortsgruppe Berlin im Magischen Zirkel" statt. Der zweite Ortszirkel - wenn man Hamburg als ersten ansieht - war geboren. Weitere Ortsgruppen entstanden 1920 in Stettin, Danzig und Saarbrücken. Fast gleichzeitig wurden auch in Köln und Frankfurt/Main Ortsgruppen gegründet, denen 1921 Breslau, München und im November Leipzig folgte, die 10. Ortsgruppe des Magischen Zirkels.

Das Leben in den einzelnen Ortsgruppen, die sich meist alle 14 Tage trafen, muss sehr rege gewesen sein. Allerdings nahm der „geschäftlich Teil" häufig einen ziemlich großen Raum ein. Im „künstlerischen Teil" dagegen findet man oft die gleichen Namen, etwa Karl Schröder, Prof. Ernst, J. C. Schultheiß, Dr. Rohnstein, Ottokar Fischer, Hans Trunk, um nur wenige zu nennen, Außer bei den Zirkelabenden zauberte man aber auch vor der Öffentlichkeit. So veranstaltete die Ortsgruppe Hamburg beispielsweise am 26. März 1921 einen großen Zauberabend im Curiohaus, eine Vorstellung unter dem Titel „Moderne Zauberei im Magischen Zirkel". 

Ende des Jahres 1921 registrierte der Magische Zirkel bereits 358 Mitglieder, Amateure und Berufskünstler.

Die Jahre 1922 – 1932

Die zweite Dekade begann mit einem kleinen Jubiläum des Magischen Zirkels. Karl Schröder drückte seine Freude mit folgenden Zeilen in der MAGIE 1922 aus: „Zehn Jahre bedeuten nicht viel, auch nicht im Vereinsleben, aber da es sich um die ersten 10 Jahre der Vereinigung handelt, dürfte die Berechtigung zu einigen Zeilen schon hierdurch erbracht sein“. Karl Schröder wurde zum Ehrenvorsitzenden (auf Vorschlag von Prof. Melachini-Caligari) und Ottokar Fischer zum Ehrenmitglied ernannt. Im September 1923 wurden die Geschäftstelle des MZ und der Erscheinungsort der MAGIE nach Leipzig verlegt und zum 1. Vorsitzenden wurde Ferdinand Uter gewählt.

Die sich verschärfende Inflation, die Wirtschaftskrise und die damit verbundenen Schwierigkeiten brachten auch für den Magischen Zirkel Verluste, die erst mit der Zeit ausgeglichen, aber dank der opferwilligen Unterstützung einiger Mitglieder leicht bewältigt wurden. Aus heutiger Sicht ist es kaum nachvollziehbar, z.B.: die Monatsbeiträge der Mitglieder stiegen von 2,- Mark 1921 auf 500.000,- Mark 1923. Die Zeitschrift MAGIE, das wichtigste Haupt-Bindeglied zwischen den Mitgliedern, erschien zeitweise mit nur 6-8 Seiten. 1924 verlor der MZ durch Austritte 134 Mitglieder. Nicht unerwähnt soll die Spende des Magischen Klubs Wien in Höhe von 100.000 Kronen sein. Aber die größte Spende kam von Carl Groth aus Schweden, 1.962 Milliarden Mark, ja, ja, die Inflation.

Als erstes Buch im Verlag Magischer Zirkel erschien „12 Schlager der Magie“ von F. H. Hülgly. Neu war auch die Beilage in der MAGIE „Blütenlese im magischen Garten“. Dies waren Kunststückbeschreibungen zum Sammeln oder auch als Buch zu binden. 

Die Hauptversammlung 1925 in München, die von Helmut Schreiber organisiert wurde, ist in der Presse erstmals auch als Kongress angekündigt worden. Baptist Huber stiftete eine 104 Seiten starke Festschrift. Fritz Albert Hügly und Leopold Figner wurden für ihren unermüdlichen Einsatz als Mitarbeiter der MAGIE zu Ehrenmitgliedern ernannt. In Berlin wurde 1926 auf der 14. HV zum ersten Male eine Ausstellung selbstgebauter Apparate ausgerichtet. Der Erfolg dieser Idee hatte alle Erwartungen übertroffen.

Ab Oktober 1927 übernahm Helmut Schreiber die Schriftleitung der MAGIE, jetzt in Berlin. Die Zeitschrift bekam einen neuen Titelkopf (von Tagrey entworfen), der Inhalt wurde durch Bilder, Zeichnungen, Rubriken und monatlich mit „Magischen Daten“ ausgestaltet. Die MAGIE wurde Publikationsorgan der Vereinigung ungarischer Amateur-Magier Budapest und des Magischen Clubs Prag. Schreiber bemühte sich um die Übersetzungsrechte ausländischer Fachzeitschriften und wollte die MAGIE zu internationaler Bedeutung führen. Auf der außerordentlichen Hauptversammlung in Leipzig Mai 1929 wurde Karl Schröder wieder 1. Vorsitzender und Ferdinand Uter Ehrenvorsitzender. Im September wurde die Geschäftsstelle wieder nach Hamburg verlegt. Unter der Mitgliedsnummer 807 wurde Dr. Kurt Volkmann im Juni 1928 aufgenommen und Willi Faster im Juli 1931 als Mitglied Nr. 935. Um den Geldeingang zum Ausbau der Zeitschrift zu ermöglichen, startet 1930 „Die Liste der 200…“. April, April - zum ersten Mal erschien in der MAGIE ein Aprilscherz, Titel „Ermäßigungen für Varieté Besucher“ von Jäger, Mannheim.

 

 

Geo Mylius organisierte 1931 erstmalig einen „Internationalen Magischen Kongress“, unter der Beteiligung von M.A.M.E. Budapest, USA, Schweden, Magischer Club Prag, ASAP - Frankreich und dem Magischer Club Wien. Es wurde zugleich die 19 Hauptversammlung des M.Z. Karl Schröder überreichte Helmut Schreiber für seine große Geschicklichkeit, mit der er die MAGIE redigiert, den Ehrenzauberstab des M.Z. aus Ebenholz mit Elfenbeinschnitzerei. Neu war eine Tombola mit Verlosung der Geschenke und die Apparate- und Bücher Ausstellung mit einem 22-seitigen Katalog. Zauberkünstler Kassner höchstpersönlich überreichte den Damen einen lustigen kleinen Elefanten und Herbert Siegbert Jaks brillierte mit einem fabelhaften Experiment. Aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums des Ortszirkels München erschien im Dezember die erste OZ Sondernummer der MAGIE.

 

 

Willi Widmann, Gründungsmitglied und 1.Vorsitzender des OZ Stuttgart, Juni 1928

Folgende Berufszauberkünstler (MZ-Mitglieder) traten wiederholt auf: Alfred Kessler, Alfredo Uferini, Boné Lagos, Benno Pantel, Bellardi-Foscola, Cortini, Dorini, Edgar Paolo, Egon Roberty, Ferini, Fred Brenzin, Fred Roner, Franz Hugos, Georg Ackermann, Graziadei, Groasser, Gy Coross, Harry Norton, Ingo, Jacks, John Olms, Karl Edler, Karl Heinz Ewers, Kassner, Lamari, Larette, Leban-Loupini, Leist-Bernini, Maurice Kropp, Max Blume, McAlba, Melachini-Caligari, Musty, Ralf Richardsen, Rio Panzer, Tagrey, Thossini, Tom Jersey, Vandredi und Willi Cellar.

Ende des Jahres 1931 registrierte der Magische Zirkel bereits 986 Mitglieder, Amateure und Berufskünstler. Austritte, Wiedereintritte und Sterbefälle wurden mitgezählt.

Im Februar 1932 erfolgte die Aufnahme des 1000sten Mitgliedes und die MAGIE brachte eine Sondernummer der Ortsgruppe Leipzig.

Die Jahre 1933 – 1945

Unsere Mütter, unsere Väter, unsere Magier

Vom Verschwinden der jüdischen Zauberer – Stolpersteine der Erinnerung

Von Peter Schuster, aus „Zeitreisen”

„In den 30er Jahren wurden Mitglieder, die soeben noch geachtet waren, aus der Mitgliederliste des Zirkels gestrichen. Wir stehen heute fassungslos vor den Verirrungen und suchen Erklärungen. 

Wie konnte ein ganzes Volk von diesen Fanatikern überwältigt werden? 

Nach 1945 redete und schrieb im Magischen Zirkel keiner über diese Vergangenheit. Haben sie, die passiv oder aktiv dabei waren, Scham und Reue empfunden? Aber auch wir Jüngeren fragten nicht. Es war uns, die am Ende der Hitlerdiktatur 10 oder 12 Jahre alt waren, nicht gegenwärtig, was im deutschen Namen, auch im Namen des Magischen Zirkels, geschehen war.”1

Die ZDF-Serie „Unsere Mütter – unsere Väter” hat die Verstrickungen unserer Eltern- und Großeltern während des Dritten Reichs beeindruckend aufgezeigt. Der Fernsehfilm erinnert an das Jahr 1933, in dem vor 80 Jahren die Herrschaft einer menschenverachtenden Diktatur in Deutschland begann.

Während des MZvD-Historikertreffens 2012 wurde intensiv über den MZ in der Nazi-Zeit und den damaligen Präsidenten Helmut Schreiber diskutiert. Unterstützt durch den MZvD-Präsidenten Eberhard Riese bildete sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Bernhard Schmitz, die die damaligen Vorgänge aufarbeiten soll. 

Dieser Beitrag will an die verfemten und verstoßenen jüdischen Zauberer erinnern, die Frage nach der Verantwortung des MZ stellen und die Ortszirkel zur Beschäftigung mit ihrer Geschichte anregen. In einer ersten (zu ergänzenden und zu korrigierenden) Aufstellung sei an die 1936 ausgeschlossenen Mitglieder sowie an die dem MZ eng verbundene Familie Kroner und Michel Seldow, Ehrenmitglied des MZ Berlin, erinnert:

Die politischen Rahmenbedingungen

Die Entwicklung des Magischen Zirkels und die Ausstoßung der jüdischen Mitglieder aus der Gemeinschaft des MZ können nur vor dem Hintergrund - der politischen Entwicklung verstanden und beurteilt werden. Nachdem Reichspräsident Hindenburg am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, begann der Abbau der demokratischen Strukturen und der Menschenrechte. Im März 1933 -beschloss der Reichstag, Hitler auch die -gesetzgebende Gewalt zu übertragen. Innerhalb weniger Monate wurden politische Gegner, Einzelne und Gruppen, verboten und verhaftet. Zwecks besserer politischer Kontrolle mussten sich Vereine in neue Verbände eingliedern oder sie wurden verboten und aufgelöst. Auf allen Ebenen galt das Führerprinzip, d.h. Vorstände wurden nicht mehr gewählt, sondern von oben eingesetzt.

In der 1. Verordnung zum Berufsbeamtengesetz2 wurde der „Arier” definiert: „Als nicht arisch gilt, wer von nichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Es genügt, wenn ein Elternteil oder ein Großelternteil nicht arisch ist.“ Das Reichsbürgergesetz vom 15.9.1935 unterschied Reichsbürger und Staatsangehörige. Die vollen politischen Rechte als Reichsbürger hatten nur „deutschblütige“ Staatsangehörige. „Juden” konnten nicht Reichsbürger sein. „Jüdische Mischlinge” besaßen zunächst auch die Rechte eines Reichsbürgers. Aber das alles war nur der Auftakt zu einem grausamen Finale. 1938 mussten Juden ihre Pässe abgeben. Nach dem Pogrom im November 1938 („Reichskristallnacht”) wurde jegliche jüdische Geschäftstätigkeit verboten. 1942 begann die systematische Vernichtung der Juden. 

Der MZ in den Jahren 1933 bis 1945

Der Magische Zirkel stand bald nach der Machtübernahme vor der Entscheidung, sich aufzulösen oder sich in eine der von den Nazis vorgegebenen Organisationsstrukturen einzugliedern. Helmut Schreiber verhandelte als Lösung die korporative Zuordnung zur Reichsfachschaft Artistik (RFA)3. Die RFA als Teil der Reichstheaterkammer diente der Gleichschaltung des gesellschaftlichen Lebens mit dem Ziel, gegen die NSDAP gerichtete Aktivitäten zu verhindern. Mit dieser Lösung mussten auch die von den Nazis gesetzten Regeln übernommen werden. Die Vorstände des MZ und der OZ waren nicht mehr zu wählen, sie wurden gemäß dem Führerprinzip von oben eingesetzt. So verfügte der Vorsitzende der Reichsfachschaft Artistik im Juni 19364, dass die Geschäftsstelle des MZ von Hamburg nach Berlin zu verlegen und Helmut Schreiber der neue Präsident sei. Schreiber nutzte seine Befehlsgewalt nach unten zurückhaltend aus, die Bestellung der OZ-Leiter erfolgte weitgehend einvernehmlich. Eine Ausnahme bildete der Ortszirkel Wien. Schreiber löste nach dem Anschluss Österreichs 1938 die Zauber-Vereine in Wien auf, bildete einen einheitlichen OZ und bestimmte den neuen Vorstand.5 

Der verstorbene Hamburger Zauberhistoriker Dieter Waldmann analysierte 2003 die Zeitschrift MAGIE in den Jahren, als Schreiber Schriftleiter war6. Er kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass an keiner Stelle antisemitische Äußerungen oder Feindseligkeiten gegenüber Kriegsgegnern zu finden sind. Und trotzdem konnte sich der MZ nicht der NS-Judenpolitik entziehen. Der Druck auf die jüdischen Zauberer im Magischen Zirkel verlief parallel zur Judenpolitik der Nazis, die durch Gesetze und Verordnungen rechtlich abgesichert und staatlich durchgesetzt wurde. Das Reichsbürgergesetz von 1935 verpflichtete auch den MZ, keine jüdischen Mitglieder mehr zu haben. Alle Mitglieder des MZ mussten in einem „statistischen” Fragebogen angeben, ob sie „Deutscher Reichsbürger” im Sinn des Gesetzes waren und welcher Religion sie angehörten. Mitglied konnte also nur bleiben, wer arisch oder „Mischling” war. Durch die Fragebogen-Aktion reduzierte sich die Zahl der Mitglieder von ca. 13707 auf ca. 4008. Die Auswanderung der jüdischen Mitglieder begann zögernd bereits ab 1933. In jüdischen Kreisen hofften viele, dass sich das wieder beruhige. Mit dieser trügerischen Ruhe war es spätestens 1935 vorbei. Nur wenige blieben in Deutschland, so auch Günther Dammann und die Familie Kroner. Günther Dammann und Meta Kroner wurden im KZ ermordet.

Die Mehrzahl der Bevölkerung war mit der Politik Hitlers einverstanden. Das galt wohl auch angesichts des seit Jahrhunderten in Deutschland und Europa latent bis offen vorhandenen Antisemitismus zumindest in den ersten Jahren für die NS-Judenpolitik. Als ab 1938 das kriminelle Ende dieser Politik sichtbar wurde, betonten die Apparatehändler Horster9 und Klingl10 noch in Anzeigen, dass ihre Geschäfte seit Jahrzehnten „arisch” geführt würden. Sie müssen ihre Kunden wohl entsprechend eingeschätzt haben.

Viele Deutsche zogen sich auf einen inneren Widerstand zurück. Den gab es offensichtlich auch im Magischen Zirkel. Unter den rund 1.000 MZ-Mitgliedern, die 1936 ihren statistischen Bogen nicht zurückgaben, waren sicher viele, die auf diese Weise protestierten. Hinweise auf Proteste sind auch dem in der MAGIE veröffentlichten Bericht über die 23. Hauptversammlung zu entnehmen: „Anerkennung und Dank, insbesondere für die Erledigung der überaus schwierigen internen Fragen die sich vor Bekanntgabe des Rassegesetzes im Zirkel ergaben.”11. Auf der Website des OZ Köln war zu lesen: „Als der Magische Zirkel im Juni 1936 in die ‚Reichsfachschaft Artistik‘ eingegliedert wurde, forderte man die Ortszirkel auf, die jüdischen Mitglieder auszuschließen. In Köln war man dazu nicht bereit und löste den Ortszirkel auf. Doch man traf sich weiter regelmäßig in der Wohnung von Herrn Fuchs und pflegte den Kontakt zu anderen Ortszirkeln und den in Köln auftretenden Beruflern.”

Ist Helmut Schreiber der Sündenbock? 

Ist der MZ-Präsident Schreiber schuldig? Diese Frage stellt sich schnell, wenn man über die NS-Zeit redet. Und so geschah es auch bei dem Historiker- und Sammlertreffen 2012 in Appelhülsen. Sehr bald wurde nur noch über die Rolle und Schuld von Helmut Schreiber kontrovers diskutiert. Diese Diskussion lenkt m. E. bequem davon ab, dass alle Mitglieder des damaligen MZ im Sinn einer Kollektivschuld betroffen waren. Das ist Teil der Kollektivschuld, die das ganze deutsche Volk trifft. Aktiven Widerstand haben nur wenige Helden geleistet, die Mehrheit schwamm mit dem Strom und fand vieles auch gut.

Natürlich stellt sich die Frage, ob einzelne darüber hinaus individuell, im rechtlichen Sinn schuldig, kriminell geworden sind. Ich habe für Helmut Schreiber keine Beweise und Indizien dafür gefunden. Seine negativen und positiven Seiten zeigten sich bereits vor 1933. Er war geltungssüchtig und beweihräucherte sich. Er war auch ein Führungsmensch, ein Alphatier, wie die Verhaltensforscher sagen. Und er war ein Opportunist, der seinen Vorteil suchte. All das kann man als abstoßend, asozial und unmoralisch ablehnen, nur diese Haltungen sind nicht strafbar. Auch in unseren heutigen Gesellschaften zeigt ein erheblicher Anteil nicht nur der Führungskräfte solche Haltungen. Auf der positiven Seite ist für Schreiber ebenfalls viel zu vermerken. Seine charismatische Führung brachte neuen Wind in den MZ, und das begann bereits 1927 mit der Schriftleitung der MAGIE. Er öffnete den MZ und die MAGIE für die internationale Zauberwelt.

Schreiber konzipierte die bis dahin eher langweiligen Hauptversammlungen als „Weltkongresse” und „Olympiaden”. Dass er auch ein hervorragender Zauberkünstler war, bewies er nach 1945 mit seiner Zauberrevue. Trotz seiner Anbiederung an die Nazi-Führung gibt es keine Anzeichen, dass er ihre Politik und Ideologie teilte. Es gibt sehr ernstzunehmende Dokumente im Bundesarchiv, die bezeugen, dass Schreiber während der Nazi-Zeit Juden geholfen hat und sie beschützte. So bestätigt Ludwig Ficker, der für die KP im Untergrund arbeitete und nach 1945 der ersten bayerischen Staatsregierung als Staatssekretär angehörte, dass Schreiber ihn während seines illegalen Aufenthaltes in München unterstützt habe.12 Elfriede Elkisch, die mit einem Juden verheiratet war und als Sekretärin des MZ beschäftigt war, erklärte 1946 eidesstattlich „kann ich mit bestem Gewissen bestätigen, dass Herr Schreiber die Nazis hasste und meine Gesinnung sowie die meiner jüdischen Familie vollkommen teilte. Nicht nur, dass er sich in der Unterhaltung als Nazigegner bekannte, sondern er hat mich und meine Familie mit Geld und Lebensmitteln unterstützt, weil er wusste, dass ich außerdem eine illegal bei Freunden versteckte jüdische Verwandte, die keine Lebensmittelkarte hatte, mitversorgen half.”13

Ich kann nur die Bewertung bestätigen, die Hannes Höller 1999 formulierte: „Schreiber war zweifelsohne kein Nazi. 1936 war er nicht Mitglied der Partei und mit Sicherheit kein Antisemit. Aber er hatte Einfluss und einen unstillbaren Karrierehunger. Er war eine umstrittene Persönlichkeit. Er war ein Opportunist”14 Höller schrieb das als Fazit in seiner Arbeit über europäische jüdische Zauberer. Die Arbeit war ein erster Versuch der Aufarbeitung. Auch der MZ Köln berichtete auf seiner Website von seiner Verweigerung 1936, leider ist dieser Text jetzt gelöscht. 2009 und 2010 ließ der MZ Berlin Stolpersteine verlegen. 2013 beteiligt er sich aktiv mit Beiträgen am Berliner Gedenkjahr (1933 und 1938)15. Der MZvD insgesamt hat einen Nachholbedarf. Bis heute wird diese Zeit in der Internet-Chronik des MZvD verharmlosend dargestellt.

Die 2012 in Appelhülsen tagenden Historiker waren sich mit Eberhard Riese einig, diese Ereignisse weiter aufzuarbeiten, die OZs um Mitarbeit zu bitten und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Sie taten dies im Sinn von Karl Schröder, der 1949 schrieb: „Hitlers Sieg (hätte) die Vernichtung aller Menschlichkeit und aller vernünftiger Weiterentwicklung bedeutet.”16

 

  1. Aus der Rede von P. Schuster bei der Verlegung der Stolpersteine für die Familie Kroner am 6.3.2009 in der Friedrichstr. 55. Der Stolperstein für Günther Dammann wurde am 4.10.2010 in der Wissmannstr. 17 verlegt.
  2. „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” vom 7. 4.1933
  3. Die Reichsfachschaft Artistik gehörte über die Reichstheaterkammer zur Reichskulturkammer
  4. MAGIE 1936, Heft 7, S.121
  5. MAGIE 1938, Heft 10?–?11, S.361
  6. Dieter Waldmann: Die Zeitschrift MAGIE in der NS-Zeit – ein Beitrag zur Person des Schriftleiters Helmut Schreiber. Hamburg 2003, 27 Seiten
  7. In der MAGIE 1936, Heft 6, S.112 wird die Aufnahme eines Mitglieds mit der Nr.1373 gemeldet
  8. Mitgliedsbuch des MZ, 1. Auflage 1936, Seite 81
  9. Berliner Adressbuch 1938, S.644
  10. MAGIE 1938, Heft 9, S.316 und Heft 12, S.378
  11. MAGIE 1935, Heft 11, S.158
  12. Bundesarchiv, Akte Helmut Schreiber, Dok. 0334
  13. Eidesstattliche Versicherung vom 6.12.1946. Bundesarchiv, Akte H. Schreiber, Dok. 0378
  14. Hannes Höller: European Jewish Magicians 1933?–?1945. Düsseldorf, Höller 1999, S.78
  15. Aktivitäten des Berliner Themenjahrs 2013 „Zerstörte Vielfalt”, www.berlin.de/2013/themenjahr
  16. Karl Schröder, der Gründer des MZ, in einem Brief vom 30.1.1949 an Willy ... (?)

 

 

 

Die Jahre 1946 – 1951

Kurz nach Kriegsende war der Arbeitsmarkt desolat, eine große Zahl der Amateure nutzte ihr Hobby als Zauberkünstler und fand gute Verdienstmöglichkeiten bei den alliierten Streitkräften, den Soldatenclubs, bei Wanderbühnen und in den zahlreichen Vergnügungsstätten. Es hatte noch nie so viele Varietés und Kabaretts gegeben wie in den drei Jahren vor der Währungsreform. Danach hörte es schlagartig auf.

Wie Phönix aus der Asche ist 1946 der Magische Zirkel wieder aufgeblüht. Wieder war es Karl Schröder, der die Initiative ergriff. Hamburg ist und bleibt die Keimzelle des Magischen Zirkels in Deutschland. Am 26. Januar 1946 nahm der MZ e.V. (für die britische Zone) wieder seine Tätigkeit auf und die „Monatlichen Mitteilungen“ konnten durch Vervielfältigung an die Wiederangemeldeten Mitglieder versandt werden.

Mit Beginn des Jahres 1947 wurde aus den Mitteilungen eine kleine ansprechende „Magische Post“, im Druckverfahren hergestellt, mit einem Überblick über die Geschehnisse in der magischen Welt, sowie als Beilage Kunststück-Beschreibungen. Größe und Umfang hat die britische Militärregierung vorgeschrieben und die Beschaffung des Papiers bereitete damals große Schwierig-keiten. Ab 1948 erschien die Magische Post in einem größeren Format und brachte auf den Titelseiten Bilder von Berufszauberkünstlern.

Inge und Ralf Bialla

Die Mitglieder des neu gegründeten Zauberrings München, hatten am 5. Mai 1949 auf einer Gründungsversammlung den Magischen Zirkel von Deutschland e.V. proklamiert und als Präsident Emil Thoma gewählt. Sein Verdienst war es, dass die Zeitschrift des Magischen Zirkels „MAGIE“ am 1. August 49 nach 5 Jahren wieder erscheinen konnte. Am 24. August 1949 haben der M. Z. Hamburg e.V. und der M. Z. von Deutschland e.V. München den Entschluss gefasst, gemeinsam den Titel „Magischer Zirkel von Deutschland e.V.“ zu führen. Das erste große Herbst-Treffen war der „Mikro-Kongress“ vom 8. bis 9. Oktober 1949 in Stuttgart. Richard Röhl gewann den 1. Preis mit einer mikromagischen Neuheit. 

München organisierte vom 20. bis 26. September 1950 einen Internationalen Kongress des Magischen Zirkels von Deutschland, der von 274 Teilnehmern besucht wurde. Ralf Bialla - „König der Bälle“ - gewann den 1. Preis und Inge Bialla erhielt den Titel „Miss MAGIE 1950/1951“. 

Der MZvD wurde 1951 in die Weltorganisation der Magier "Fédération internationale des Sociétés Magiques" in Paris aufgenommen. Vom 7.-10. September 1951 fand die Hauptversammlung in Oldenburg statt. Der bisherige Präsident Emil Thoma wurde wieder gewählt. 

Die Ortszirkel-Gründungen in dieser Dekade waren:

1946 Göttingen, 1947 Gelsenkirchen, 1948 Oldenburg, Osnabrück 1949 Braunschweig, Memmingen, Oberhausen-Mühlheim, Zauberring München. 1951 Hagen, Karlsruhe, Krefeld.

Fortsetzung der Berufszauberkünstler die auch MZ-Mitglieder waren:

Alfredo Cantarelli, Allan, Bellani, Belloni, Berot, Bialla, Carlo Magino, Carter, Con Conelli, Doré, Edgardo, Ellen Fay, El X, Enrico Morano, Eterno, Felix Woy, Fränki, Frankoni, Frascati, Fred Rello, Fregana, Garvin, Gustavio, Harini, Harkabus, Harry Steffien, Horst Heby, Indra, Jac Olten, Jersey Tommsen, Jo Andersch, Jo Hösch, Klaus Paray, Krenzin, La Sultana, Leberto, Magiadore, Manzini, Mister Senko, Otto Hato, Pantel-Patrix, Paul Potassy, Peter Berto, Peter Helwin, Quitta, Recha, Remons, Rolf Hübner, Salwaro, Schwichtenberg-Kongar, Torsten, Tricksor, Truk, Walterno, Waltrix, Willey, Zarano, Zirini.

Neuere Geschichte

100 Jahre Magischer Zirkel von Deutschland

Zum 100-jährigen Bestehen des MZvD wurde dem Verein vom FISM-Präsidenten Domenico Dante eine Urkunde überreicht.

Zeitreisen

22.12.2013 (CS) Im Dezember 2013 erhielten alle Mitglieder die Jubiläumsschrift des MZvD "Zeitreisen" 1912-2012. Das Buch ist eine Retrospektive zum 100jährigen Jubiläum des MZvD.

MZvD 1912 bis 2012

04.06.2012 (CS) Die Entwicklung des Magischen Zirkels in Deutschland seit 1912 und die Geschichte des Magischen Zirkels in der DDR wird auf knapp 150 Seiten in "Die Kunst des Verzauberns" betrachtet. Das Buch anläßlich des 100-jährigen Bestehens des Magischen Zirkels Hamburg erschien 2012 als Festschrift des MZ Hamburg.

Projekt: Die Geschichte des MZvD ab 1990

Zwei Gymnasiastinnen haben 2010 bei einer Zeitvorgabe von nur 5 Tagen mit "Die Geschichte des Magischen Zirkels von Deutschland ab 1990" ein bemerkenswertes Projekt erarbeitet. Grundlage für ihre Arbeit war die MAGIE von 1990 bis 2010 und das sind 220 MAGIE-Hefte mit einigen tausend Seiten.

Das Thema haben sich die zauberbegeisterten Mädchen allein gesucht, zur Genehmigung durchgeboxt und mit der Betreuungslehrerin abgestimmt. In ihrer über 20-seitigen Arbeit beschrieben die Gymnasiastinnen wichtige Ereignisse im Vereinsleben des MZvD seit 1990.

Die beiden Mädchen haben ihre Arbeit als pdf-Datei und in gebundener Form abgegeben. Sie lernen am Werner-von-Siemens-Gymnasium Magdeburg, einem naturwissenschaftlichen Spezialgymnasium. Interessante Projektarbeiten werden vor der gesamten Schule im Auditorium der Magdeburger Otto von Guericke Universität (die ein Partner der Schule ist) vorgestellt.

Man kann beiden jungen Mädchen zu ihrer Arbeit nur gratulieren. Die beiden Autorinnen haben uns die Genehmigung gegeben, ihre Projektarbeit hier zu veröffentlichen. Ein Exemplar der Arbeit wurde der Bibliothek des MZvD übergeben.

Das Projekt zum Download (PDF)

Magie Magazin

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