15. Mai 2015

Mentalisten, Materialisten und märchenhaftes Marketing

Einige Titel der „Mentalbücher”

Der Autor: Thomas Fraps

„Ich behaupte, dass das 19. und noch mehr das 20. Jahrhundert in puncto Empfänglichkeit für Wunder und Heilige und Propheten und Zauberer und Ungetüme und Märchen aller Arten, das 15. Jahrhundert glatt in den Sack stecken kann.“ 

George Bernard Shaw


Betrachtet man die Wirkung der Selbsthilfe- und Ratgeberbücher, die in den letzten Jahren von einigen Mentalisten hastig auf den Buchmarkt geworfen wurden, könnte man das obige Zitat des großen Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers George Bernard Shaw durchaus auf das 21. Jahrhundert erweitern. Es ist schlichtweg erstaunlich, welche märchenhaften Inhalte von manchen der selbsternannten Gedankengurus und Hobbypsychologen, unter kaufmännischer Komplizenschaft diverser Verlage, als Ratgeberliteratur oder gar Sachbuch veröffentlicht werden, und vor allem, welche Empfänglichkeit große Teile der Leserschaft dafür entwickeln, fast 450 Jahre nach Reginald Scot.

Diese - meist mit Anspruch zur Lebenshilfe verfassten - Bücher sind ein aus mehreren Gründen ärgerlicher Auswuchs der Mentalistenschwemme der letzten Jahre. Zahlreiche Ex-Zauberkünstler haben seit dem Erfolg des Ausnahmetalents Derren Brown und im Sog der selbstverliebten TV-Suche nach einem „Next Uri Geller“-Klon eine wundersame Wandlung  zum Mentalisten erfahren. Soweit so gut. In einigen Fällen aber geht damit die seltsame Entwicklung einher, dass die hauptsächlich angewandten Trickmethoden mit den gleichzeitig abgesonderten, psychologischen Präsentationstexten verwechselt werden. Letztere werden dann in Buchform, Radiointerviews oder TV-Talkshows, teilweise als echte Ursache für die auf der Bühne gezeigten Phänomene dargestellt, oder es wird bewusst offengelassen, welcher Art die verwendeten Methoden sind. 

Die falschen oder fehlenden Darstellungen der wahren Natur, der (hauptsächlich) angewandten tricktechnischen Methoden wachsen sich schleichend zu falschen Überzeugungen bei Publikum und Presse aus, und schaden indirekt der Zauberkunst, was vom MZvD nicht einfach ignoriert werden sollte. Nicht nur, dass in diesen tausendfach verkauften Büchern die Zauberkunst stellenweise geleugnet, degradiert oder einfach umdefiniert wird, nein, sie wird gleichzeitig in den Vorführungen auf der Bühne, in Interviews oder TV-Shows methodisch ausgesaugt, und „über allen Wipfeln ist ruh“, denn der MZvD schweigt dazu, obwohl er sich auf die Fahne und in die Satzung geschrieben hat (§2 Vereinszweck, Absatz 1a und f) „die Zauberkunst, die auf Geschicklichkeit und Täuschung der Wahrnehmung beruht, zu pflegen und zu fördern“ und „die verfügbaren Mittel dafür einzusetzen, dass die Zauberkunst die ihr gebührende Achtung erfährt.“ 

Wie aber soll die Zauberkunst die ihr gebührende Achtung erfahren, wenn sie im Kontext von Sach- und Ratgeberbüchern öffentlich und unwidersprochen verschleiert wird und daher Journalisten, die Mentalistenshows besuchen, wahrscheinlich schon vorab der Meinung sind, dass sie es nicht mit tricktechnischen Methoden zu tun haben? Wie sonst sind solche Stellen in Besprechungen zu erklären:


„Es handelt sich bei seinen Vorführungen nicht um Tricks und Illusionen, die seine Zuschauer in die Irre führen, um ihn zu verblüffen. (...) Um die von einer Zuschauerin gezogene Karte zu bestimmen, benötigt er keine Tricks wie die meisten Magier. Er zeigt der Zuschauerin einfach eine Karte nach der anderen und erkennt allein an ihrer Körpersprache, welche Karte sie vorher gezogen hatte. Mit diesen Fähigkeiten war es für ihn auch kein Problem vorher zu sagen, in welcher Hand sein Gegenüber die Münze versteckt.“ 

Süddeutsche Zeitung (19. November 2013 - Showbesprechung Thorsten Havener)


Dass es nötig ist, der Zuschauerin die Karten zu zeigen, um die Rückseite des gezinkten (und gelegten) Spiels ablesen zu können, oder simple drahtlose Signalgeber am Werk sind, kann der Journalist nicht wissen, aber er sucht wahrscheinlich auch gar nicht mehr danach. Ihm wird schon vor der Show über Ankündigungstexte, Interviews oder Sachbücher des Autors wiederholt suggeriert, dass er es mit jemandem zu tun hat, der „einfach nur genauer hinschauen“ kann als andere und die Gedanken anhand der Körpersprache entziffert. Die  Verbindung der mentalen Autoren zur Zauberkunst wird in ihren Büchern zwar nicht immer verschwiegen, aber meist der Vergangenheit zugeschrieben und als „hinter sich“ gebrachte Entwicklungsstufe gewertet. Alternativ wird die Zauberkunst auch mal im Nebensatz auf einen handwerklich sehr kleinen Teilaspekt reduziert, um so eine jahrtausendealte Kunstform der eigenen oberflächlichen Markenbildung unterzuordnen:


„Früh hatte ich angefangen zu zaubern, wobei ein Zauberer für mich nichts anderes ist als jemand, der versucht, die Körpersprache perfekt zu beherrschen.“

Thorsten Havener („Ohne Worte“, rowohlt Verlag 2014)


Ach? Nach dieser Logik wäre ein Politiker oder Schauspieler auch „nichts anderes, als jemand, der versucht die Körpersprache perfekt zu beherrschen“. Man könnte diese Behauptungen als ungenaues Denken abtun, wenn nicht die allzu simple Marketingstrategie durchscheinen würde, die aber beim nichtsahnenden Laien auf Dauer erstaunliche Nebenwirkungen zeigen kann (s.a. obiges SZ-Zitat). Die psychologischen Präsentationsideen, die als theatrale Scheinerklärungen fungieren und auf vielen Kommunikationskanälen ständig wiederholt werden, verfestigen sich bei einem nicht unbeträchtlichen Teil des Publikums als implizite Annahme und werden häufig tatsächlich geglaubt. Ein klassisches Priming-Phänomen, dessen Wirkmechanismen der renommierte Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann in seinem hervorragenden Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“  folgendermaßen erläutert:


„Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt. Auch autoritäre Institutionen und Marketing-Spezialisten wissen das seit jeher. Aber Psychologen haben herausgefunden, dass man die Tatsache oder Idee nicht vollständig wiederholen muss, um ihr den Anschein der Wahrheit zu geben. Personen denen wiederholt der Ausdruck „die Körpertemperatur eines Huhns“ dargeboten wurde, akzeptierten die Aussage „die Körpertemperatur eines Huhns beträgt sechzig Grad Celsius“ (oder irgendeine andere Zahl) eher als wahr.“  


Solche Priming-Effekte werden ironischerweise auch in vielen Büchern der Mentalisten als psychologische Beeinflussungsmethode erklärt, was in dem Moment auch noch zutrifft. Der Leser denkt, er lernt etwas über psychologische Manipulationsprinzipien und täuscht sich dabei gleichzeitig selbst. Er tappt vollkommen unbemerkt auf der mentalen Metaebene in genau die Falle, die ihm gerade erklärt wird. Eine herrliche Ironie, nur ist einem dabei nicht nach Lachen zumute. Denn diese mentalen Mogeleien gehen häufig auf Kosten der Zauberkunst, deren Methoden ja die hauptsächliche Ursache für die auf der Bühne/im TV gezeigten Phänomene sind. Die allzu einfache Mentalistenausrede, dass es „die Zuschauer eben glauben wollen“ oder „es die Presse daraus macht“, gilt hier eben gerade nicht, denn die Autoren leisten schließlich in Buchform der falschen Wahrnehmung selbst Vorschub, was sich dann in einigen Fällen z.B. so liest:


„Dabei ist ‚Mind Hacking’ wie Sie sich selbst überzeugen konnten nichts Übernatürliches, sondern beruht darauf, sein Gegenüber genau zu beobachten, die menschliche Natur zu studieren und auf Erfahrungen zu vertrauen. Im Übrigen unterscheiden sich in diesem Punkt auch echte Mentalisten von Zauberern. Letztere arbeiten nämlich hauptsächlich mit Zaubertricks.“

Norman Alexander („Mind Hacking“, Econ-Verlag 2013)


„Bestimmte Effekte haben Mentalisten dann so weiterentwickelt, dass diese ganz ohne die üblichen Zaubertricks auf das gleiche Ergebnis kommen. Zumindest in etwas 80 bis 90 Prozent der Fälle. Wer immer auf Nummer sicher gehen will arbietet dann eben weiterhin mit den traditionellen Tricks.“

Lars Ruth („Geständnisse eines Mentalisten“ – tredition Verlag 2015)


„Das ist tatsächlich eines der großen Geheimnisse guter Mentalmagie. Ich habe für nahezu alle Kunststücke einen tricktechnischen Notfallplan (...) Ich habe ich für alles ein Netz, das mich auffängt. Aber dadurch, dass ich darauf zurückgreifen könnte, muss ich es praktisch nie anwenden. Und wenn ich das Netz nicht benutze, gibt es auch nichts was die aufmerksamen Zuschauer entdecken könnten. Deshalb ist Mentalmagie oft so viel unerklärlicher als klassische Zauberkunst, eben weil oft kein Trick dabei ist oder die Zuschauer nicht genau wissen, ob oder wann einer zum Einsatz kommt.“

Christoph Kuch  („Sei nicht abergäubisch, das bringt Unglück!“, Knaur-Verlag 2014)


Wörtlich genommen würde letzteres Zitat bedeuten, dass fast die gesamte Show ein einziger Notfall ist. Unabhängig aber vom zweifelhaft doppeldeutigen Wahrheitsgehalt dieser Stellen, bleibt die Frage, warum solche Aussagen überhaupt nötig sind? Warum müssen sich die Autoren in ihren Büchern über mentale Coachingstrategien, psychologische Finten und Manipulationsprinzipien überhaupt ständig (ungefragt!) von der Zauberkunst und ihren Methoden distanzieren? Warum beschränken sich die Autoren nicht einfach auf das Wiederkäuen der, oft bereits an zahlreichen anderen Stellen veröffentlichten, psychologischen Studien und mentalen Motivationsstrategien? Ist es ein durchschimmerndes schlechtes Gewissen und der damit verbundene Reflex des übertriebenen Beweisens, den schon Al Baker mit seinem Diktum „Don’t run, if nobody’s chasing you!“ zusammgenfasst hat? Oder ist es am Ende nur die Marketingstrategie des Verlags, der sich größere Käuferschichten und Märkte offen halten will? Und wenn dem so sein sollte, ist es vielleicht gar nicht der Autor selbst, der solche Stellen einfügt, sondern das Lektorat? 

Die Erfahrungen von Nikolai Friedrich, der 2012 ein Buch im Fischer-Verlag veröffentlicht hat, lassen zumindest darauf schließen: Er musste sich während des Schreibprozesses monatelang gegen die „Verbesserungen“ seiner Lektorin wehren, so dass es fast zum Eklat mit dem Verlag kam. Nikolai blieb in seinen Ausführungen stets bei den (wissenschaftlichen) Fakten. Dieser Ansatz wurde aber wiederholt von der Lektorin „verbessert“ mit der offensichtlichen Tendenz, auf eine bestimmte Zielgruppe hin zu schreiben.

Ein Beispiel: Am Ende eines längeren Abschnitts, in dem Nikolai erklärt, dass das Pendeln auf dem physiologisch erklärbaren Phänomen der ideomotorischen Bewegungen (Carpenter-Effekt) beruht, schließt er nach zwei Seiten mit dem Satz: „Die Bewegung des Pendels kann also mit dem Carpenter-Effekt erklärt werden.“

Die Lektorin wiederum fügte in der Überarbeitung des Manuskripts an dieser Stelle ein Wort ein, das den Inhalt geschickt verändert: „Die Bewegung des Pendels kann also auch mit dem Carpenter-Effekt erklärt werden.“

Auf Nikolais Nachfrage, was denn das Wörtchen „auch“  hier solle, und welche Erklärung es denn angeblich noch gebe, antwortete die Lektorin, „das wisse sie nicht, aber man wolle doch schließlich nicht die Esoteriker vergraulen“.  Genau das aber wollte Nikolai. Das Wort „auch“ und viele andere rein zielgruppenorientierten Veränderungen der Lektorin wurden gestrichen und stehen nicht in der Druckausgabe des Buches. 

Es scheint also durchaus möglich, als Autor die marketingmotivierte Verwässerung und Aufweichung der eigenen Inhalte zu verhindern. Schließlich steht der eigene Name auf dem Cover. Ein Autor muss Veränderungen seines Manuskripts mit fragwürdigem Wahrheitsgehalt nicht in Kauf nehmen, nur um die anvisierte Käufergruppe zu vergrößern (dieselbe Lektorin hatte übrigens zuvor die Bücher von Thorsten Havener betreut). Das bedeutet aber auch, dass ein Autor die volle Verantwortung hat für die Inhalte seines Buches und die Veröffentlichung solcher Stellen mit hohem Humbugfaktor verhindern kann. „Bullshit“ ist nicht nur ein Synonym für Humbug und der Titel einer mehrfach preisgekrönten, sehr sehenswerten TV-Serie von Penn & Teller (die über Scharlatanerie, Alltagsmythen und Esoterik aufklärt), sondern auch der Titel eines Bestsellers des amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt. Seine Analyse und Beschreibung des „Bullshitters“ trifft die Melange aus Mentalisten und Medien sehr gut:


„Der Bullshitter steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der des Falschen. Anders als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, daß sie seiner Zielsetzung entsprechen.“  

 Harry G. Frankfurt („Bullshit“ Suhrkamp 2006)


Die Zielsetzung der Autoren und Verlage ist klar, diese Publicity-Symbiose hilft zu Überleben, es werden mehr Showtickets und mehr Bücher verkauft. Wer würde schon Lebensratgebern von offiziellen Trickkünstlern vertrauen? Die Verschleierung des eigentlichen Charakters der angewendeten Trickmethoden aber ist im besten Fall als Humbug zu bezeichnen, im schlechtesten Fall als Hochstapelei. Diese Durchmischung aus Marketinginteressen der kriselnden Verlage, Publicityinteressen der Mentalisten und des Medieninteresses an guten Geschichten ist es letztlich, die es dem Leser und Zuschauer so schwer machen, die wahren kausalen Zusammenhänge zu erkennen. Aufklärung war gestern. Im Spezialfall dieser Bücher erinnert daher der Dreiklang aus Marketing, Medien und Mentalisten bisweilen an das „System der Hochstapelei“, das der Physiker David Brewster bereits vor über 150 Jahren im Vorwort zu seinen Briefen der Natürlichen Magie erwähnt hat (wobei er damit Priester, Fürsten und Gelehrte meinte, die ihr Geheimwissen hüteten):


„Die Unwissenheit der älteren Zeiten begünstigte dieses System der Hochstapelei ungemein. Zu jeder Zeit liebte der Mensch das Wunderbare, und häufig ist es die Anhänglichkeit an die Wahrheit selbst, welche zum Maßstabe der Leichtgläubigkeit des Individuums dienen kann.“

David Brewster („Briefe zur Natürlichen Magie“, 1833)


Brewster bezieht sich zwar auf die (ältere) Zeit vor der Aufklärung, das Wunderbare und Unerklärliche aber, das von Mentalisten demonstriert wird, erzeugt auch heute noch eine Unwissenheit, die gepaart mit dem Priming in Buchform und der vermeintlichen Wahrheit der Scheinerklärungen ein verzerrtes Bild erzeugt, das die Leichtgläubigkeit des Individuums auch noch im „der Wahrheit anhänglichen“ 21. Jahrhundert ausnutzt. Es wird einfach zur Beruhigung behauptet, dass „nichts Übersinnliches dabei sei“, man nur natürliche Methoden aus der Psychologie anwende, oder dass etwas „wissenschaftlich erwiesen“ ist, und schon neigt der aufgeklärte, wissenschaftsgläubige Mensch dazu, diese Behauptungen für wahr zu halten, denn er ist  immer noch Mensch, dessen Emotionen nicht zwischen Fakten und Fiktionen unterscheiden, so dass er auf gute Geschichten mehr anspricht als auf trockene Tatsachen:


Ich halte es da allerdings mit dem Nobelpreisträger Richard Feynman, der gesagt hat: „Wer glaubt, die Quantentheorie verstanden zu haben, hat sie nicht verstanden.“ Statt mir also anzumaßen, Telepathie quantenphysikalisch zu erklären, beobachte und erfahre ich sie lieber selber. Dass es so etwas wie Telepathie tatsächlich gibt, wird immer wieder in Experimenten gezeigt. Wie sie genau funktioniert, konnte jedoch noch niemand zweifelsfrei beweisen.“

Jan Becker („Das Geheimnis der Intuition“ Piper-Verlag 2014)


So kommt es, dass sogar Wissenschaftsjournalisten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ZDF, „Terra-X“-Folge „Geistesgiganten“, Dezember 2014) den ach so intuitiven Autor solcher Sätze am Sonntagabend zur besten Sendezeit in den Hirnscanner schieben, um dessen Einfühlungsvermögen und „besondere Empathiefähigkeit“ im Labor zu untersuchen und einem Millionenpublikum mit „eindeutig erhöhter Aktivität der Spiegelneurone“ zu erklären. Die Tatsache, dass die ebenfalls in der Sendung gezeigte Lügentest nicht auf besonderer Empathiefähigkeit und graphologischem Gespür, sondern pre-show Techniken beruht, findet ebenso keine Erwähnung, wie die Tatsache, dass Spiegelneurone zwar vor Jahren schon durch Zufall bei Schimpansen entdeckt wurden, sich die Wissenschaft seither aber streitet, ob es die Spiegelneurone beim Menschen auch gibt. Ein Beispiel für televisionär verbreiteten Humbug, dank der synergetischen Symbiose aus Mentalisten, Marketing und Medien.

Das emotionale Paradox dabei ist, dass ein Uri Geller „nur“ behauptet hat, echte übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen, das konnte man glauben oder nicht. Er hat aber wenigstens  keine wissenschaftlichen Studien über Körpersprache, Suggestion, Denkfallen, etc. als natürliche Scheinerklärungen für seine vermeintlich paramentalen Fähigkeiten herangezogen. So gesehen wirkt der urige Urvater der modernen Mentalisten im Vergleich fast schon wieder ehrlich, das muss man auch erstmal schaffen.

Gleichzeitig erkennt man, dass die Satzung des MZvD, also der Paragraph, der vermutlich aus der Zeit von Uri Geller, Hanussen & Co. stammt, in Anbetracht der modernen, medialen Mentalisteninszenierungen zu kurz greift: 


„§22 /8. Der MzvD distanziert sich grundsätzlich von Aberglauben und Okkultismus und beobachtet sogenannte parapsychologische Phänomene mit äußerster Kritik. Daher erwartet er, dass auch bei Darbietungen, die okkultistische Vorgänge nachahmen, der Eindruck vermieden wird, als bediene sich der Vorführende allen Ernstes übernatürlicher Kräfte oder Wahrnehmungen.“ 


Es werden keine übersinnlichen parapsychologischen Phänomene mehr behauptet,  sondern nur virtuos beherrschte psychologische Fähigkeiten, die scheinbar wissenschaftlich untermauert sind, wobei aber eben auch nicht der Eindruck vermieden wird, der Vorführende bediene sich genau dieser behaupteten Methoden (also z.B. das Lesen der Körpersprache, Suggestion oder Telepathie; Muskellesen und Bühnenhypnose  ausgenommen). Doch nur weil die Satzung hier nicht greift, müssen diese Auswüchse vom MZvD nicht unkommentiert bleiben. Zumindest eine interne Diskussion, oder Stellungnahme zu den Machenschaften mancher Mentalisten wäre wünschenswert. Es gibt schließlich bekannte Beispiele dafür, dass es auch anders geht: David Berglas, Gary Kurtz, Derren Brown (nach anfänglichen Irrungen) oder hierzulande Markus Beldig, beschränken ihre Figuren des Mentalisten auf das Theater. 


„Lügen – damit kenne ich mich aus. Schließlich war ich jahrelang als Zauberer unterwegs. Da besteht die ganze Kunstform aus einer einzigen Lüge, auch wenn ich das Wort „Illusion“ viel schöner finde.“   

Thorsten Havener („Ohne Worte“ – rowohlt Verlag 2014) 


Liest man solche Sätze, stellt sich die Frage, welche Kunstform sich in Kombination mit Märchenbüchern und Marketing gerade zu einer einzigen Lüge hin entwickelt, die Zauberkunst oder der Mentalismus? Beide leben von einer künstlerischen Lüge, von der theatralen Illusion, doch außerhalb des theatralen Rahmens läuft nur eine der beiden eng verwandten Kunstformen wirklich Gefahr zu einer Lüge zu werden. Es bleibt zu wünschen, dass die Grenzen zum Humbug und Bullshit weniger oft überschritten und die Methoden der Zauberkunst nicht zur medialen Hochstapelei missbraucht werden. 

Es gab eine Zeit, in der die Zauberkunst in Büchern zur Aufklärung benutzt wurde. Sir Reginald Scot wollte in seiner „Discoverie of Witchcraft“ bereits 1584 über die illusorischen, harmlosen Praktiken der Hexen aufklären, und meinte treffend, „dass man denjenigen, die dazu überredet werden können, diese Dinge für wahr zu halten, auch gleich glauben machen könne, der Mond bestehe aus grünem Käse.“

Wir wissen mittlerweile, dank der Wissenschaft, dass der Mond nicht aus grünem Käse besteht, auch wenn es eine schöne Geschichte wäre. Und es wäre zu wünschen, dass manche Mentalisten in ihren Büchern weniger Käse verbreiten. Vor allem weniger Käse über die Zauberkunst, deren Ansehen der MZvD zu pflegen gedenkt – oder?

© 2015  Thomas Fraps

Autor: Thomas Fraps

Zurück
Magie Magazin